Schriftstellerin Streeruwitz: „Staat und Wirtschaft sind durch Corona andere geworden“

Marlene Streeruwitz hat einen Artikel im Standard geschrieben, den wollen wir euch gerne empfehlen. Hier ein Ausschnitt daraus, im Anhang der Link zum ganzen Artikel.

„Die Hausaufgaben sind in der Notengebung ein Regierungsinstrument. Nicht nur der Schultag soll in die vollkommen sinnlosen 50 Minutenportionen zerschnitten sein. Auch die Freizeit muss besetzt bleiben. Arbeitsweltliche Disziplinierung ist das. Vertiefung des Wissens wird das genannt. Auslieferung an die gottgewollten und unveränderbaren Umstände könnten wir das nennen.

Wieder wird über die Eltern festgelegt, wo das Kind dann mit den Noten stehen wird. Wer kann das Kind unterstützen? Wer nicht? Wer hat Zeit? Wer kann das nicht? Mit den Noten stellt der Staat sich mitten in die Familie hinein. Und. Der Staat spiegelt die gottgewollte Unveränderbarkeit des Stands an die Familie zurück. „Es sind doch nur Noten“, sagt die Frau bei der Diskussion nach der Lesung. „Das haben wir doch alle durchgemacht.“

Die Frage der Hausaufgaben. Sie hat durch die Corona-Krise eine besondere Brisanz bekommen. So, wie es hierzulande selbstverständlich ist, über die Freizeit von Schülern und Schülerinnen zu verfügen. So wird das Homeoffice behandelt werden. Und wieder wird sich auswirken, wie diese Verfügung über die Person in den frühen Phasen der Schulzeit gehandhabt worden ist.

Wir haben da nicht nur gelernt, dass wir in Texten als Person nicht vorkommen. Wir haben auch gelernt, dass unsere Zeit der Schule gehört. Dass die Schule unsere Zeit zerteilt. Dass die Schule uns 15 Minuten für das Essen einräumt. Dass wir besser nur in den Pausen aufs Klo gehen sollten. Dass wir uns nur zu Wort melden sollen, wenn wir etwas wissen, und nicht die Zeit des Unterrichts mit dummen Fragen verschwenden sollen. Dass unser Widerstand aber über Fragen zu Stundenverkürzung führen kann. Viel Kraft und Erfindungsgeist musste auf das Erträglichmachen des Regimes aufgewendet werden.

Wie wird diese schulische Kultur uns behindern, wenn es um das Homeoffice gehen wird. Wenn die Verantwortung der Zeiteinteilung und des Kraftaufwands an die Person übergeben wird. Hierorts. Wir sind Personen, die daran gewöhnt wurden, regiert zu werden. Wir sind Personen, denen die Zeit eingeteilt worden war. Denen die Hausaufgaben zugeteilt worden sind. Und. Die für die Erledigung dieser Hausaufgaben beurteilt wurden.

Weil das Kind zu einem brauchbaren Staatsbürger erzogen werden sollte. Weil die Normen der frühen Industrialisierung für die Organisation der Schule ausschlaggebend gewesen waren. Weil die Schulen zu Beginn in den Händen der katholischen Kirche lagen. Weil die Schulen die Erziehung zum Soldaten zum Vorbild hatten. Weil es sich um eine Militarisierung der Leben handelte, die gar nicht so undeutlich immer noch zu erkennen ist.

Nur das Ergebnis wird bezahlt

Deshalb wird das Homeoffice zur Wiederauflage der Protoindustrialisierung werden. Hierzulande. Es wird am Ende nur das Ergebnis bezahlt werden. Das Produkt dieser Heimarbeit. So wie das mit den Hausaufgaben gelernt worden war, wird „Die Wirtschaft“ dazu übergehen, nur das jeweilige Ergebnis zu bezahlen. Faktoren wie Arbeitszeit. Gesundheit. Sicherheit am Arbeitsplatz. Besteuerung. Urlaub. Freizeit. Kinderbetreuung. Sorgearbeit. Selbst die neoliberalerweise so geschätzte Work-Life-Balance wird aus dem Gleichgewicht geraten.

Es wird der einzelnen Person überlassen werden, wie sie zu dem verlangten und zu bezahlenden Ergebnis kommen wird. Die schon gegebenen Umstände der Person werden einmal mehr festgeschrieben und bestimmen ihren Wert. Der gottgewollte Platz des Ständischen. Die gewollte soziale Immobilität des Kirchlichen. Die Fesselung in den Zufall der Geburt des Nationalistischen. Mit einem deregulierten Homeoffice als Normalfall des Arbeitsplatzes.

Wir sind zurück auf Punkt eins cisleithanischer Frühaufklärung. Und die Predigten des Kanzlers werden das in erprobter Weise als naturhaftes Ereignis einer nicht mehr erwähnt werden müssenden Vorsehung vermitteln. Der Kanzler selbst kommt ja in seinen Texten nicht vor. Er hat den Pluralis Majestatis als Ich-Krücke zur Erfüllung seiner Sendung zu Verfügung.„

https://www.derstandard.at/story/2000118181751/schriftstellerin-streeruwitzstaat-und-wirtschaft-sind-durch-corona-andere-geworden

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