FREINET FLASH: Artikel von Herbert Hagstedt: „…immer zeigten mir die Kinder den Weg…“

Lieber Geburtstagsgäste, hier ein kleiner Artikel von mir, der gerade in der Zeitschrift TPS, Heft 7, 2016 erschienen ist.

Mit besten Grüßen

Herbert Hagstedt (herbert.hagstedt@gmx.de)

„…immer zeigten mir die Kinder den Weg…“Freinets Versuch, aus der Wildnis zur Zivilisation zu finden

Gerade erst seit wenigen Monaten im staatlichen Schuldienst, wendet sich ein junger Lehrer mit einem scheinbar verrückten Boykott an die Öffentlichkeit:

Er wolle den für ihn vorgesehenen Platz am erhöhten Lehrerpult „so nicht“ einnehmen. Er werde Kindern nicht belehrend und im Pausentakt predigend begegnen. Auch Schulbücher und andere Lehrwerke herkömmlicher Art möchte er ihnen nicht zumuten. Die Schule in ihrer ganzen Verfasstheit als Lehranstalt sei ein pädagogischer Irrtum, ein didaktokratisches Mittel gegen junge Menschen, die lernen wollten.

Er wolle stattdessen versuchen, die Kinder selbst von Anfang an als aktive Teilhaber im Bildungsprozess wahrzunehmen und zu stärken. Jedes Kind könne sich frei ausdrücken, eigene Texte schreiben, ja sogar selbst drucken. Und nicht nur ihr Lehrer, alle Welt solle lesen können, was sie denken und was sie zu sagen haben. Die Einladung zu einer Kinderkorrespondenz mit anderen Klassen über Dorf- und Ländergrenzen hinweg war ausgesprochen.

Was hier vor fast 100 Jahren angedacht wurde für den Unterrichtsbetrieb in einer Landschule, war die Idee, eine Art globales Netzwerk für Kinder einzurichten: eine Öffnung der Schule zum Leben hin, die Begegnung mit anderen Welten, ein unbegrenzter Austausch von Entdeckungen und Ideen.

Den Kindern das Wort geben

Es gibt doppelten Grund, gerade in diesem Jahr an Celestin Freinet, einen wahrhaftigen Revolutionär der Pädagogik zu erinnern, dessen Gedanken bis heute hochaktuell sind. Vor 120 Jahren, im Oktober des Jahres 1896, wurde er im südfranzösischen Ort Gars geboren, bereits im Juli 2016 hat sich sein 50. Todestag gejährt.

Für die Grundschulpädagogik in vielen europäischen Ländern, vor allem aber auch für die Reform der Elementarerziehung, die Weiterentwicklung unserer Kindergärten und Kitas, ist die Freinetpädagogik bis heute eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration geblieben. Nicht nur in freien Alternativschulen, Kinderläden und Kinderhäusern, auch in vielen kommunalen Einrichtungen ohne Versuchsstatus, für die Fortschreibung neuer Bildungspläne und Schulprogramme wurde das Werk Freinets als pädagogische Schatzkiste entdeckt: Freier Ausdruck und Schuldruckerei, Ateliers und Freiräume zum Forschen, Zeitungen von Kindern für Kinder, Klassenrat und Kinderparlament – ein neues Verständnis von selbstorganisiertem Lernen im sozialen Raum wurde in der Ecole Moderne vorgelebt.

Der Soziologe Oskar Negt hat in seiner „ Streitschrift für eine neue Schule“ (Negt 2016) diese Form der Persönlichkeitsbildung des Kindes als primäre Grundlage für Lernprozesse beschrieben. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer notwendigen „Selbstaufwertung der Persönlichkeit“. Negt gehört zu jenen reformpädagogischen Schulgründern, die das Potential der Freinetpädagogik schon sehr früh erkannt haben. Seine „Glockseeschule“ ist eines der bekanntesten Beispiele für das Gelingen einer aufreibenden Schulentwicklung im Zusammenspiel von Selbstregulierung und Haltsuche in kleinen, strukturgebenden Institutionen. Eine Pädagogik, die zwischen persönlicher Wildheit und Verantwortungsübernahme ihren Bildungsauftrag wahrnehmen will, kann gar nicht anders als sich selbst mit der Ambivalenz und Gegensätzlichkeit natürlicher wie ziviler Umwelten zu arrangieren. Das lehrt die Geschichte der Freinetpädagogik, die immer auch eine Pädagogik des Widerspruchs war (Hagstedt 2012). Worin liegt Anziehungskraft dieser naturorientierten Pädagogik für Reformer von heute? Aus welchem Spannungsbogen bezieht Freinets uriger Ansatz seine Aktualität und Bedeutsamkeit für das Lernen von morgen? Vielleicht ist es nur das immer wiederkehrende Paradoxon jungen Lebens, der Knackpunkt jeglicher Persönlichkeitsentwicklung, ein ständige Unruhe erzeugender „gefühlter“ Widerspruch zwischen verbliebenen eigenen Naturtrieben und fremden, immer auch „bedrängenden“ Bildungsansprüchen.

Den Weg der kleinen Wilden mitgehen

In seinem Essay zur „Psychologie einer sensiblen Wahrnehmung“ beschreibt Freinet die Entwicklung des Kindes analog zur Entstehung eines Wildbaches. Die Erwachsenen haben es oft schwer,“die andauernde Aktivität und die nicht unterdrückbare Dynamik“ der Kinder zu verstehen. Ob Eltern oder Berufserzieher, sie versuchen dann, „die Kinder in ihrem Lauf zurückzuhalten und dem Sturzbach den Rhythmus des beruhigten Bachbettes aufzuladen…als letzten Ausweg errichten sie mächtige Talsperren, die den Lauf des Wildbaches wirkungsvoll unterbrechen und ihn aufteilen. Aber danach wundern sie sich, dass der Wildbach kein Wildbach mehr ist…“ Man könnte sagen, so folgert Freinet, „dass die ganze Pädagogik darin besteht, dieses Übermaß an Wildheit und Vitalität zu verringern“(Freinet 2000, S.25). In der aktuellen didaktischen Auseinandersetzung diskutieren wir heute in ähnlicher Weise und nur etwas vernebelt eine moderne Art der Verbauung durch Talsperren: die vielen kleinen Wildbäche werden kanalisiert und sammeln sich- kompetent begleitet-in Kinderakademien und Science Centern, in wissenschaftsorientierten Lernlaboren und „Häusern der kleinen Forscher“.

Für Freinet liegt das große Geheimnis der frühen Erziehung darin, dass man „dem kleinen Kind in allen Bereichen Zeit zum tastenden Versuchen“ gibt und es nicht vorschnell „lernschulhaften Theorien“ aussetzt. Er fordert eine sensible Begleitung der Entwicklung jedes einzelnen Kindes in einem „Reservat der Wildheit“, das für Kinder von 1-5 Jahren zur Verfügung steht: Die Kinder können sich vom Morgen bis zum Abend, allein oder verständig geführt, ganz nach Belieben vortasten und Versuche anstellen: In den Morast eines Grabens eindringen und alleine wieder herauskommen, über eine Mauer springen, in den Felsen klettern, auf einen Baum steigen…den Schmetterlingen nachlaufen…sich in Hütten und Höhlen einrichten, die gleichzeitig das Schaudern und die Vorstellung von Sicherheit bescheren.“( Freinet 2000, S.164). Sicherheit und Schaudern gleichzeitig- hier wird der Widerspruch wieder gelebt. In solchen, für viele von uns heute noch visionären Passagen definiert sich Freinetpädagogik primär als Outdoor- Erfahrung: der Wald als Werkstatt des Lernens, schweres Gelände als Bewegungsreiz für eine intensive Körpererfahrung, die Natur als Lehrmeister und als allseits verständliche „Weltsprache“ (Quatier u.a. 2013)

Kinder werden zu freien Forschern, die Phänomene dort wahrnehmen, wo sie entstehen. In Erstbegegnungen, noch unsystematisch, ganz und gar ungeplant, können sie ihre Entdeckungen machen: eine natürliche Weise des Lernens, die ein Stück weit auf Methodisches verzichtet und doch gerade in diesem Verzichten Methode hat.

In der Selbstorganisation Verantwortung übernehmen

Wie Kinder im selbstorganisierten Lernen zu sozialer Verantwortung und Achtsamkeit gegenüber der Natur finden, kann man z.B. im Zentrum PrinzHöfte in der Nähe von Bremen erleben. In dieser Konsultations-Kita ist es gelungen, den reformpädagogischen Ansatz Freinets nicht nur nischenhaft am Leben zu erhalten, sondern ihn auch ein gutes Stück im Kita-Alltag weiter zu entwickeln. Entstanden ist ein für alle Beteiligten abenteuerliches Dauer-Experiment, zentrale Ideen der Freinetpädagogik und Prinzipien der Permakultur aufeinander zu beziehen (Oemisch 2015). Das Überschneidungsfeld beider Ansätze wird offensichtlich. Die Selbstorganisation der Lernprozesse und die sich selbst organisierenden Ökosysteme haben sich hier gefunden und bereichern sich gegenseitig: Alle Kinder übernehmen für wechselnde Aufgaben für ein überschaubares Stück Verantwortung. Kein Kind, so hatte schon Freinet gefordert, dürfe ohne Verantwortungsübertragung bleiben. Auch für den Umgang mit der Natur kann jeder für persönlich einen Verantwortungsschwerpunkt setzen. Das kann dann als große gemeinsame Aufgabe einen Rahmen bekommen, etwa in einem Projekt, mit dem sich alle Kinder identifizieren können. Für die älteren Kinder gibt es dafür jede Woche geführte Atelierangebote- darunter die PrinzHöfter Kinderwildnis. Begleitet von einer Wildnispädagogin können die Kinder auf einem großen, naturnah belassenen Außengelände und in einem direkt angrenzenden kleinen Waldstück erfahren, wie sie der Natur liebevoll begegnen und von ihr immer wieder lernen können.

Literatur:

Freinet, Celestin: Pädagogische Werke, Band II, Paderborn 2000

Hagstedt, Herbert: Pädagogik des Widerspruchs. In: Inge Hansen-Schaberg (Hrsg.):Freinet-Pädagogik (Reformpädagogische Schulkonzepte), Bd. 5, Schneider Verlag, Hohengehren 2012, S.131-143

Negt, Oskar: Philosophie des aufrechten Gangs: Streitschrift für eine neue Schule, Steidl Verlag, Hannover 2016

Oemisch, Ulrike: Der Permakultur-Kindergarten. In: Oya – anders denken. anders leben, 6.Jg. Heft 31, März/April 2015, S.82-84

Quatier, Ulrike/ Kampmeier, M. und Bardi, C.: Weltsprache Natur. Die Naturwerkstatt der Laborschule Bielefeld, Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2013

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