Wenn die bestimmen …


„Wenn die auf dem Bürgermeisteramt oder die in der Gewerkschaft bestimmen“, sagte der phlegmatische Schäfer und kaute die Worte, „dann doch, weil wir sie bestimmen lassen.

Wir diskutieren sehr wohl, im Cafe oder auf den Wegkreuzungen, wenn uns nichts zur Eile treibt, die Sonne hell scheint, und der Bach zu unseren Füßen murmelt. Da, unter uns, bauen wir die Welt neu zusammen. Gott selbst bekommt seinen Teil Kritik ab, und es fehlt nur wenig, und wir würden ihm Konkurrenz machen. Aber wenn es in einer Versammlung darum geht, seine Sache vor denen, die wir kritisieren, vorzutragen und ihnen von Angesicht  zu Angesicht gegenüber die „männliche“ Position, die wir unter uns einnehmen, zu vertreten, dann gibt’s da auf einmal keine „Männer“ mehr. Nur noch Schafe oder Knechte. Und wir beklagen uns über das Ergebnis!

Natürlich, es stimmt, sie sind es gewohnt zu sprechen und zu bestimmen und wir, unsere Funktion ist es, zu schweigen und zu gehorchen.  Und trotzdem, wir haben doch genauso viel im Kopf wie sie, und in unserer Sprache fehlt uns auch nicht die Beredsamkeit. Wir sind nur gefesselt mit einer Kette, die wir nicht zerreißen können. Das Schlimme ist nur: wir sind es, die diese Kette für unsere eigenen Kinder schmieden und sie ihnen weitergeben!

Wenn sie uns nämlich hartnäckig Widerstand leisten, weil sie glauben, recht zu haben gegen unser Recht und unsere Autorität, wenn sie bis zu Zorn und Tränen und- das stimmt- ohne Respekt vor formalen Hierarchien verteidigen, was ihr Gut und ihre Freiheit sind, dann nennen wir ihren Mut Unverschämtheit und ihre Forderungen respektlose Ungezogenheiten.

Vielleicht wenn ihr, Erzieher, ihnen helfen würdet, ihre Persönlichkeit zu festigen, so wie ihr ihnen Rechtschreibung und Rechnen beibringen wollt; wenn ihr genau soviel Mühe, wie ihr euch gebt, um sie zu Schülern zu machen, darauf verwenden würdet, Menschen aus ihnen zu machen, dann hätten wir vielleicht morgen Generationen, die sich verteidigen könnten gegen die Schwätzer und Politiker, die uns heute führen.

Aber um euch niederzuhalten, werden die, die bestimmen, sagen, eure Forderungen seinen unverschämt, weil ihr Vorschriften und Vorgesetzte missachtet, und ihr hättet vor der Wissenschaft den Respekt verloren, den man Götzen und Göttern schuldig ist“.

Text aus: J. Hering u W. Hövel (Hrsg): Immer noch der Zeit voraus, 19961, Bremen
Original in: C. Freinet: Les dits de Mathieu, 1967

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